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In der Fußgängerzone von Paderborn trifft man nach Einbruch der Dämmerung auf zwei große Außenprojektionen. Die vierminütigen Filme erzählen die Geschichte des jungen Mannes Franziskus, der in einer Auseinandersetzung mit seinen Eltern auf sein Vermögen verzichtet. Diese ebenso radikale wie symbolgeladene Handlung findet im Ambiente eines eleganten Konferenzraumes statt. In Gegenwart einiger Vorstandsmitglieder legt Franziskus seine Kleider ab und gibt diese als Zeichen des absoluten Verzichts den Eltern zurück. Franziskus ist Mitarbeiter in diesem großen Konzern, seine Eltern Mitglieder des Vorstands. Offensichtlich hat Franziskus Familieneigentum veruntreut und an Bedürftige verschenkt. Vater und Mutter versuchen die Meinung des Senior Chefs einzuholen und bemühen sich um Verständnis für ihren Sohn, als dieser plötzlich unvermittelt auf sein gesamtes Vermögen und Erbe verzichtet.

Der Film bezieht sich auf eine Szene im Frühjahr 1207. In den Lebensbeschreibungen des Franziskus von Assisi wird berichtet, dass Franziskus, der früher ein durchaus ausschweifendes Leben geführt hatte, sein Leben geändert hatte. Im Zuge dessen hatte er aus dem großen väterlichen Vermögen Geld entnommen und für wohltätige Zwecke verwendet. Der Vater verklagte ihn deswegen. Richter war der örtliche Bischof. Während der Verhandlung, die öffentlich auf dem Domplatz stattfand, gab Franziskus dem Vater Geld, das er für einen Kirchenbau vorgesehen hatte, zurück, verzichtete auf sein Erbe, entkleidete sich und übergab dem Vater auch die von ihm erhaltenen Kleidungsstücke. Er sagte sich von seinem Vater los und bekannte, dass er von nun an nur noch den Vater im Himmel anerkennen wolle. Der Bischof legte einen Mantel um ihn.

Die beiden im Stadtraum verteilten Filmsequenzen zeigen die gleiche Szene, allerdings trifft Franziskus einmal mit seinem Vater, das andere Mal mit seiner Mutter zusammen. Die Emotionen und die atmosphärische Aufladung beider Szenen divergieren entsprechend des jeweiligen Elternteils. Eine der zentralen Schlüsselsituationen im Leben des Heiligen Franziskus wird in der Filminstallation des Künstlerduos M+M in der konkreten Gegenwart unserer Finanzwelt angesiedelt und so auf ihre heutige Bedeutung hin geprüft: In der aktuellen globalen Wirtschaftssituation erhalten Themen wie Selbstbestimmung und Konsumverzicht eine konkrete gesellschaftliche und politische Relevanz.

Die Filminstallation mit zwei synchronisierten Projektionen bezieht sich auf die Umsetzung der historischen Szene in Liliana Cavanis Film Franziskus aus dem Jahre 1989 mit Mickey Rourke in der Titelrolle. Allerdings verlegen M+M in ihrer Version die Szene in die drastische Gegenwart der Finanzwelt und sie wird so zeitgenössisch, kalt und irritierend. Die Rolle des Sohnes (Franziskus) wird von Christoph Luser verkörpert. Die Mutter spielt Sibylle Canonica, die Rolle des Vaters ist von André Jung besetzt, den Senior Chef verkörpert Andreas Lechner, Konzept und Regie liegen bei M+M.

Das Künstlerduo M+M (Marc Weis *1965, Martin De Mattia *1963) arbeitet an der Schnittstelle zwischen Bildender Kunst und Film. In den Produktionen der letzten Jahre liegt ein Fokus auf filmischen Surround-Installationen, die narrative Fragmente ohne feste chronologische Einordnung miteinander verweben. Das Duo führt damit auf sehr eigene Weise Ansätze des sogenannten Expanded Cinema, des erweiterten Kinos, fort und  versetzt den Betrachter unvermittelt in die Rolle des Flaneurs, der den Film in individueller Reihenfolge rezipieren kann. Dabei stellen M+M grundsätzlich die Frage nach persönlicher oder auch gesellschaftlicher Identität heute unter der Bedingung vollkommen veränderter Wahrnehmung von Zeit und Raum. Die Filminstallation Donnerstag mit der Szene aus dem Leben des Franziskus ist exklusiv für die aktuelle Ausstellung in Paderborn produziert worden.

Die Filminstallation wird vom 9. Dezember 2011 bis zum  24. März 2012 bei Klingenthal in der Westernstraße und am historischen Rathaus im Schildern gezeigt, jeweils ab Einbruch der Dunkelheit bis ca. 20.00 Uhr.
Ab dem 25. März 2012 wird die Filminstallation bis zum 6. Mai 2012 in einem  Innenraum präsentiert.

Donnerstag ist ein Beitrag der Ausstellungsgesellschaft Paderborn zur Ausstellung Franziskus – Licht aus Assisi des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn.
Kurator: Florian Matzner